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 RÜCKKEHR NACH BIRKENAU
Text: Ginette Kolinka. Aufbau Verlag
Regie/Konzeption: Thomas Darchinger
Schauspiel: Hannah Sieh
Musik: Jolanta
Szczelkun
Gesprächsleitung: Thomas Darchinger

Videoproduktion: hometown pictures

ab Juli 2020

Die Veranstaltung ist auch buchbar in virtueller Form im Konferenzsystem als Webinar mit vorproduziertem Anteil und live Diskurs mit Thomas Darchinger als Gesprächsleiter und Impulsgeber.


Veranstaltung zur Förderung demokratischen Bewußtseins


Dauer der Veranstaltung: 90 Minuten
geeignet für Schulen und weiterbildende Einrichtungen (ab der 8. Jahrgangsstufe).

Veranstaltungsgröße live: 200-300 Zuschauer*innen
Veranstaltungsgröße online: bis 150 Teilnehmer*innen


Wie DAS ANDERE LEBEN ist auch RÜCKKEHR NACH BIRKENAU - WIE ICH ÜBERLEBT HABE eine klare Botschaft für eine Welt der Menschlichkeit und des Miteinanders.
Dies wird erlebbar durch die Vermittlung der gefährlichen Empfänglichkeit der Menschen für Passivität und Demagogie, für Macht statt für Miteinander. Diese Empfänglichkeit ist der erster Schritt des Wandels von einer demokratischen Gesellschaftsform in eine brutale Diktatur.

Das multimedial szenische Kammerspiel macht die Konsequenz einer vollständigen Abwesenheit unserer Werte miterlebbar. Anhand der Geschichte eines Diktatur-Opfers.

Und RÜCKKEHR NACH BIRKENAU - WIE ICH ÜBERLEBT HABE ist ein Appell zur Erneuerung und Vitalisierung unserer freiheitlich, pluralistischen Versprechen. Ein starker Impuls für eine lebendige Demokratie.
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Im März 1944 wird Ginette Kolinka zusammen mit ihrem Vater, ihrem Bruder und ihrem Neffen von Avignon nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Ginette ist die Einzige, die Monate später nach Paris zurückkehrt. Sie schildert eindringlich, wie sie die Schläge, den Hunger, die Kälte, die Nacktheit, den Hass, das Grauen im Lager überlebt hat. Und sie erzählt, wie notwendig das Festhalten an der Weiblichkeit für sie war. Ein Kleid, das Simone Veil ihr im Lager schenkte, gab ihr Würde und Kraft zum Überleben. Ginette Kolinka hat lange geschwiegen und ihre Geschichte zum ersten Mal erzählt, als Steven Spielberg Zeitzeugen für "Schindlers Liste" suchte. Heute führt sie regelmäßig Schulklassen durch Auschwitz. Sie ist 94 Jahre alt und lebt in Paris.

“Niemand, der diesen Text gelesen hat, wird ihn vergessen können.“ Carolin Emcke

„Eine außergewöhnliche Beschreibung des Unbeschreibbaren." Le Monde

Ginette Kolinkas Autobiographie wird von zahlreichen Medien mit herausragenden Kritiken besprochen. Nicht nur, weil sie ein sehr nahes Gefühl für das Geschehen vermittelt, sondern weil ihre weibliche Sicht auf den Schrecken in ihrer sehr zarten Wahrnehmung so intensiv, fast poetisch die Menschlichkeit gegen das Grauen stellt.

Hier zwei kurze Text-Passagen:

Als ich das letzte Mal nach Birkenau zurückgekehrt bin, war Frühling. Die Felder waren mit Blumen überzogen, das Gras grün, der Himmel klar, man konnte die Vögel singen hören. Es war schön.
Wie kann ich ein solches Wort benutzen? Und doch habe ich es gesagt und gedacht: »Es ist schön.«
Von Weitem sah ich, wie am Feld entlang eine Gestalt näher kam. Zuerst traute ich meinen Augen nicht, dachte bei mir, »Nein, das ist nicht möglich«, doch ich hatte recht: eine Joggerin. Sie drehte ihre Runden, hier. Auf dieser lehmigen, nicht wiederzuerkennenden Erde, die so viele Tote gesehen hatte, in dieser Luft, die nach den frischen Morgenstunden roch, nach Tau. Sie lief, unbeirrt. Mir stockte der Atem. Am liebsten hätte ich geschrien, ihr zugerufen: »Bist Du verrückt?«
Oder war ich es?
Man sollte nicht nach Birkenau zurückkehren, wenn Frühling ist. Wenn die Kinder in den Vorgärten der kleinen Häuser auf ihren Rutschbahnen spielen, direkt an den ehemaligen Bahngleisen, die ins Lager und an die unselige Haltestelle, die Judenrampe, führten.




Ich habe ohnehin keine Zeit zum Nachdenken, niemand hat Zeit dafür, das gehört der Vergangenheit an. Kaum tätowiert, werden wir nackt in einen anderen Raum geleitet. Dort rasieren uns Frauen. Sie rasieren uns vor allen anderen. Nicht nur den Kopf, auch die Schamhaare. Wie pervers man dafür sein muss ... Wer sind sie? Polinnen? Deutsche? Deportierte? Sprechen sie Jiddisch? Oder Deutsch? Manche von uns verstehen sie und bedrängen sie mit Fragen, flehen sie an: »Mein Sohn ist in einen Lastwagen gestiegen, wo ist er jetzt?«, »Ich sollte mein Baby meiner Mutter geben, das habe ich auch gemacht, aber wann werde ich es wiedersehen?« Sie scheinen schon lange dort zu sein, also müssen sie es wissen. Und hämisch antworten diese Frauen, während sie weiter ihre Arbeit verrichten: »Seht ihr den Rauch da draußen? Da sind sie! Da werden ihre Körper, eure Familien, verbrannt!« Das schleudern sie uns ent- gegen, aber niemand glaubt ihnen. Wie sollten wir auch? Ich jedenfalls glaube ihnen nicht. Ich denke, das kann nicht wahr sein.





RÜCKKEHR NACH BIRKENAU - WIE ICH ÜBERLEBT HABE.
Ein Lesung der Autobiographie von
Ginette Kolinka.


Presse zum Buch:
Ginette Kolinka (mit Marion Ruggieri): „Rückkehr nach Birkenau. Wie ich überlebt habe“

Es gibt sie noch, auch 75 Jahre nach der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau: Erinnerungen, die noch nicht erzählt wurden, Erinnerungen von Überlebenden, die lange Zeit ihres Lebens geschwiegen haben, weil das in jungen Jahren in den Lagern erlebte unfassbar, unmenschlich war und ist. Eine dieser Überlebenden ist die Pariserin Ginette Kolinka, 1925 geboren als jüngste von sechs Töchtern einer einfachen jüdischen Familie. „Rückkehr nach Birkenau“ heißt ihr Buch, das bereits mit denen von Ruth Klüger, Primo Levi oder Jean Améry verglichen wurde und in Frankreich ein Bestseller ist. Die deutsche Übersetzung ist jetzt im Aufbau Verlag erschienen.



  1. Man sollte nicht nach Birkenau zurückkehren, wenn Frühling ist. Wenn die Kinder in den Vorgärten der kleinen Häuser auf ihren Rutschbahnen spielen, direkt an den ehemaligen Bahngleisen, die ins Lager und an die unselige Haltestelle, die Judenrampe, führten. (15)

Rutschbahnen und Judenrampe, kleine Häuser und „die unselige Haltestelle“ – mit wenigen Wörtern verbindet Ginette Kolinka Gegenwart und Vergangenheit in Auschwitz-Birkenau. Es gibt nicht ein überflüssiges Wort in diesem schmalen Buch, darin ähnelt es tatsächlich der prägnanten Sprache Primo Levis. Die bald 95jährige Kolinka schildert ihre Rückkehr in die „Landschaften der Metropole des Todes“, wie der israelische Historiker Otto Dov Kulka Auschwitz in einem seiner Bücher nennt, und sie zeigt ihr Befremden über einen zugleich geschichtsversessenen und -vergessenen Ort: Da kreuzt eine Joggerin ihren Weg – „auf dieser lehmigen Erde, die so viele Tote gesehen hatte“. Der eiligen, schönen neuen Welt setzt Kolinka ihre Erinnerungen entgegen: (45) – 1‘00

  1. Wir müssen vor den Tisch treten. Sollen wir etwas notieren oder unterschreiben? Eine der beiden Frauen packt mich am Arm, ich bin ihr ausgeliefert. Sie tätowiert mich: Registrierungsnummer 78599. Angeblich schreien manche vor Schmerz, vor Überraschung oder Entsetzen. Ich weiß nicht einmal, ob es weh tut, so stark, so bitter ist die Scham der Nacktheit. Ich spüre nichts anderes. (20)


Kolinka ist 19, als sie im April 1944 mit ihrem Vater, ihrem kleinen Bruder und ihrem Neffen nach Auschwitz deportiert wird. Zur Arbeit auf dem Feld oder in einer Fabrik, wie sie glaubt. „Schnell, schnell“ sind die ersten deutschen Wörter, die sie lernt. Schnell, schnell verschwinden Vater, Bruder und Neffe – für immer; schnell, schnell wird die junge Frau in eine nummerierte Kreatur verwandelt, die Haare werden ihr abrasiert, die Kleider abgenommen, Lumpen zugeworfen, keine Unterwäsche. Es sind drastische Bilder, etwa von der Baracke für die Notdurft, die Kolinka vor Augen führt. Das, so sagen diese auf das Notwendigste reduzierten Beschreibungen, können Menschen Menschen antun. Sie klagt niemanden an, sie hält nur fest, was war. Oder was nicht aus dem Gedächtnis zu tilgen ist: die Schläge, der Hunger. (45) 2‘05

  1. Es ist merkwürdig: Die Gymnasiasten, die ich seit Anfang der 2000er Jahre nach Auschwitz und Birkenau begleite, und selbst die Kleinsten, die Viertklässler, die in den Schulen meine Geschichte hören wollen, stellen mir viele kluge Fragen, aber nie nach dem Hunger. Dabei ist das Lager purer Hunger. Ich glaube sogar, er ist das Einzige gewesen, woran ich gedacht habe.
Nie fragen sie: „Was haben sie gegessen?“
Stattdessen: „Haben Sie Hitler gesehen?“ (35)

Kolinka erzählt auch von einem Moment der Menschlichkeit im Vernichtungslager. Da entdeckt eine Kapo, „die als die Gehässigste von allen gilt“, plötzlich die Schönheit einer jungen Frau, Simone, verspricht ihr ein Kleid und sogar, sie mit ihrer Mutter und Schwester in ein Lager zu bringen, „wo es nicht so hart zugeht.“ (20) 3‘00

  1. Wie versprochen, kam die Kapo mit einem Kleid zurück, das Simone nahm und dann mir schenkte. Warum ausgerechnet mir? Ich habe mich das oft gefragt. Warum hat sie es nicht ihrer Mutter oder ihrer Schwester geschenkt? Vielleicht hatte sie Mitleid mit mir? Ich war bei der ganzen Szene dabei gewesen, aber die Kapo hatte mich gar nicht bemerkt. Tatsächlich war ich kein erfreulicher Anblick, in meinem Rock und meiner Strickjacke. Ich war mutterseelenallein, ich kannte niemanden, hatte meinen Vater und Bruder in den Tod geschickt. Und Simone schenkte mir ihr Kleid. Ohne sie hätte ich wahrscheinlich…

Die Zuversicht zu verlieren, heißt, den Tod willkommen zu heißen. (3’45)

Dass jene Simone die spätere Gesundheits- und Sozialministerin Simone Veil war, die in Frankreich den Schwangerschaftsabbruch legalisierte, spielt im Buch keine Rolle. Kolinkas Eltern waren Verkäufer, ihre Schwestern handelten auf Märkten, sie selber – die nur knapp überlebte und drei Jahre krank war nach ihrer Rückkehr nach Paris – wurde Markthändlerin, Ehefrau und Mutter. Bereit, ihr Kind eigenhändig zu erwürgen, wenn „alles wieder von vorne losgeht“. Erst die Stiftung von Steven Spielberg, die für seinen Film „Schindlers Liste“ Zeugenberichte aus den Lagern sammelte, brachte Kolinka dazu, sich bewusst zu erinnern. Kurz darauf wird sie gebeten, an einer Schülerreise nach Auschwitz teilzunehmen. (40) 4‘25


  1. Die Ankunft ist ein Schock: „Aber nein!“, rufe ich, „das ist es nicht!“ Ich male mir den Geruch aus, den Schmutz, das Gewimmel von Menschen. Dabei weiß ich, dass das nicht möglich ist. Für mich aber ist es genau das. So habe ich dieses Lager vor Augen. Und ich bin unglücklich und beunruhigt bei dem Gedanken, dass die Besucher, die allein oder ohne Fremdenführer hierherkommen, sich womöglich vorstellen… Wie wollen sie den Rauch sehen, das Geschrei, das Gedrängel? Die Zehntausende von Menschen, die arbeiten, rennen, hinfallen? Nichts mehr von alledem. Die Wege sind schön sauber und abgezirkelt, sie haben Kies hergebracht, einen Gummiteppich, damit niemand im Dreck stehen muss.“ (45) 5‘10

Keine Gedenkstätte kann ein Buch wie dieses von Ginette Kolinka ersetzen. Es gibt darin Sätze, die gerade in ihrer scheinbaren Schlichtheit tief berühren. „Rückkehr nach Birkenau“ ist eine Rückeroberung der Menschlichkeit im Erzählen. 5‘25

  1. Ich hoffe, Sie denken wenigstens nicht, dass ich übertrieben habe? 5‘30

 
https://www.spiegel.de/kultur/literatur/auschwitz-zeugin-was-war-und-was-nie-wieder-geschehen-soll-a-f58a62a4-ee4f-47d4-b979-2450597c027f
 
https://www.nzz.ch/international/2-weltkrieg-75-jahre-kriegsende/in-rueckkehr-nach-birkenau-erinnert-ginette-kolinka-an-die-shoah-ld.1536124
 
https://www.rbb-online.de/rbbkultur/radio/programm/schema/sendungen/zeitpunkte/archiv/20200126_1704.html
 
https://www.br.de/mediathek/podcast/diwan-das-buechermagazin/keine-leichte-kost/1790753
 
https://oe1.orf.at/programm/20200124/586198/Erkenntnisse-der-Lebensmittel-Sensorik-Atheismus-fuer-Anfaenger-und-der-75-Jahrestag-der-Befreiung-von-Auschwitz
 
https://www.deutschlandfunkkultur.de/ginette-kolinka-rueckkehr-nach-birkenau-verstoerende.950.de.html?dram:article_id=468125
 
https://www.mdr.de/kultur/sachbuecher-auschwitz-eddy-de-wind-ginette-kolinka-100.html
 
https://www.sr.de/sr/sr2/themen/literatur/20200122_kolinka_ginette_rueckkehr_nach_birkenau_erinnerungen_100.html



Anfragen hierzu hier


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Spiegel.de vom 26.01.2020
https://www.spiegel.de/kultur/literatur/auschwitz-zeugin-was-war-und-was-nie-wieder-geschehen-soll-a-f58a62a4-ee4f-47d4-b979-2450597c027f 1 von PMG gewichtet 11-2019
Was war und was nie wieder geschehen soll
Sie wog noch 26 Kilo - aber sie hatte Auschwitz überlebt: Die bewegenden Erinnerungen von Ginette Kolinka erscheinen erstmals auf deutsch.
In den ersten Jahren nach der Befreiung erzählte Ginette Kolinka nichts. Nichts von dem, was sie in Auschwitz, Bergen- Belsen und Theresienstadt erlebt hat. Nichts von dem, was ihrem Vater und ihrem Bruder widerfahren ist, nichts von Hunger, Krankheit und körperlicher Gewalt. Aber wenn man sie damals fragte, wie es denn gewesen sei, im Lager und bei den Nazis , dann antwor- tete sie immer mit demselben Satz: "Wenn ich einmal ein Kind habe und das alles wieder von vorne losgeht, werde ich es eigenhändig erwürgen." Heute, mehr als ein halbes Jahrhundert später, tut Ginette Kolinka alles, was in ihrer Macht steht, um zu verhindern, dass das "wieder von vorne losgeht". Immer wieder erzählt sie von ihrem Leidensweg durch die Konzentrationslager. Im hohen Alter hat sie jetzt auch noch ein Buch geschrieben - oder besser schreiben lassen: Die französische TV- Journalistin Marion Ruggieri hat Kolinka befragt und ihre Geschichte aufgezeichnet. Das Buch ist bereits ein großer Erfolg in Frankreich. Nun, zum 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz am 27. Januar 1945 erscheint Kolinkas Bericht "Rückkehr nach Birkenau. Wie ich überlebt habe" auch auf deutsch.
Kolinka, 94, zählt zu den letzten Überle- benden, die noch öffentlich als Zeugen auftreten. Nach Auschwitz-Birkenau ist sie in den vergangenen Jahren nur aus einem einzigen Grund zurückgekehrt: Sie wollte französischen Schülerinnen und Schülern an Ort und Stelle berich- ten, was war und was nie wieder gesche- hen soll.
Der Verlust jeglicher Intimität
In den vergangenen Jahren sind erfreulich viele Erinnerungsbücher über den Holocaust veröffentlicht worden. Erfreulich deshalb, weil diese Dokumente bald die einzigen Zeugnisse sein werden, die unmittelbar von dem Schrecken der Lager erzählen. Kolinkas Buch unterscheidet sich von den meisten anderen dadurch, dass sie sich ganz auf ihre Erinnerungen verlässt und auf Erklärungen verzichtet, die erst im Nachhinein hinzugefügt werden könnten: Man habe damals ja im KZ auch nicht gewusst, was in der Außenwelt geschah, sagt sie, was mit den Freunden und Verwandten daheim oder in ande- ren Lagern passierte.
Ginette Cherkasky, so lautet ihr Mädchenname, wurde am 4. Februar 1925 in Paris geboren. Sie wuchs in bescheiden- den Verhältnissen zusammen mit fünf Schwestern und einem Bruder auf. Nach der Besetzung durch deutsche Truppen floh die jüdische Familie 1942 in den Süden Frankreichs. Eines Tages geriet sie zusammen mit Vater, Bruder und einem Neffen in die Fänge der Nazis, wurde ins Lager Drancy verschleppt und dann, im April 1944, nach Auschwitz . Vater und Bruder kamen sofort in die Gaskammer, das Schicksal des Neffen blieb unbekannt. Ihre eigenen Erinne- rungen konzentrieren sich auf die physi- schen und psychischen Entbehrungen, die der Alltag in Birkenau abverlangte. Schockierend war bereits der Verlust jeglicher Intimität ganz am Anfang: Das 19-jährige Mädchen hatte bis dahin nicht einmal die eigenen Schwestern nackt gesehen. Nun musste es sich zusammen mit Dutzenden fremden Frauen vollständig entkleiden. Andere
Häftlinge tätowierten und rasierten sie. Danach warf man den Neuankömmlingen abgetragene Kleider zu, Ginette bekam nur einen Pullover und einen Rock, keine Unterwäsche. Schließlich ging es zu den Duschen, aus denen wenige Tropfen kalten Wassers kamen. "Wir sehen uns an", erzählt sie, "nackt, Scham und Schädel rasiert, schlotternd und verstört. Erniedrigt."
In ihrer Baracke angekommen, folgten die nächsten Torturen: Aufseher und Kapos, also Gefangene, die in der Lagerhierarchie eine Stufe höher ange- siedelt waren, schlugen die Häftlinge bei jeder Gelegenheit. Gewalt wurde zu einer alltäglichen Erfahrung: wenn jemand beim Appell nicht exakt in der Reihe stand, wenn jemand krank und zu schwach war, um zu arbeiten - oder ein- fach aus sadistischen Motiven. Man habe sie "die ganze Zeit geschlagen, den ganzen Tag, für nichts und wieder nichts", so Kolinka im Buch. Schließlich der quälende Hunger. Jedes Stück Brot war kostbar und musste, wenn es nicht gleich aufgegessen wurde, vor den Mithäftlingen gut versteckt wer- den. Jeder bestahl jeden. Als Ginette kurz vor Kriegsende bei einem Trans- port mit der Bahn eine ganze Woche lang nichts mehr zu essen bekommen hatte und endlich den Waggon verlas- sen durfte, kroch sie auf allen Vieren am Bahndamm entlang und stopfte sich Mengen von Gras in den Mund. Wenige Wochen nach der Befreiung konnte sie sich bei einem Arztbesuch in ihrer Heimat erstmals wieder auf eine Waage stellen. Sie wog noch 26 Kilo - aber sie hatte überlebt.


Kontakt/Buchung:

für schulische Veranstaltungen von RÜCKKEHR NACH BIRKENAU,
Veranstaltungen im Rahmen der Berufsausbildung
und außerschulische Veranstaltungen:

email:
veranstaltungen-rueckkehr@demokratiekampagne.org